Das Bilderbuch fliegt quer durch den Raum, begleitet von lautem Wutgeheul. Ich sitze etwas ratlos auf der Sofakante und spüre eine Welle von hilfloser Ungeduld und Ärger in mir, die knapp davor ist, mich zu überwältigen. Eben war es doch noch so schön gemütlich! Und nun das. Die Aussicht auf einen Riesenkrach mit dem Kind, dass gerade aus seiner Haut fahren will, verunsichert mich. Was tun? Oder lassen? Solche und ähnliche Situationen kommen im familiären Alltag häufiger vor. Keiner liebt sie, die Eskalation noch weniger und die Fragen nach „Warum denn bloß?“ und „Wie verhalte ich mich jetzt am besten?“ drängen und rufen laut nach Antworten.

Nach einer ersten Akzeptanz der überraschenden Dynamik, gibt diese Frage Orientierung. Egal, ob laut gestellt oder ob leise für mich: Das ehrliche, forschende Interesse wirkt als klärende Unterstützung für Selbstregulation und Co-Regulation.

Ein gutes Verständnis von Regulation ist wichtig. Das hilft mir und in Folge auch dem Kind. Andere Worte für Regulation sind Bewegungs- und Schwingungsfähigkeit. Im neurobiologischen Sinn findet hier ein Zusammenspiel von verschiedenen Prozessen statt, die auf Gleichgewicht zielen. Dazu gehören auf der physiologischen Ebene Herzschlag, Körpertemperatur, Atmung, Verdauung, – kurz alles, was wir zum Überleben brauchen. Auf der emotionalen Ebene ist es ein neuronaler Prozess, der uns vom stressigen Zustand der Aufgeregtheit wieder zurück in eine ruhige, sichere Verfassung bringt. Das können wir nicht „machen“ oder „kontrollieren“. Kennt jede*r: „Ich will jetzt aber ruhig und entspannt sein!“ bringt eher selten den gewünschten Erfolg. Es ist ein Glück, dass uns inzwischen wertvolles Wissen und Erfahrungen mit körperorientierten praktischen Konzepten zur Verfügung stehen, die es ermöglichen, sich behutsam und freundlich dem natürlichen Vorgang der Regulation anzuvertrauen.

Noch sitze ich wie eingefroren auf der Sofakante. Das etwas ältere Geschwisterkind ist genervt vom Wutgeheul, kommt zu mir und sagt: Schmetterling! Ich stutze: Natürlich, warum ist mir das nicht gleich eingefallen! Ein blitzschneller Blick in meinen inneren Werkzeugkasten empfiehlt mir ein S.O.S. Tool, das uns schon oft dabei half, die Bedürfnisse, die sich in dem Wut- und Trotzanfall versteckten, schließlich zu erkennen. Jetzt zwei tiefe, bewusste Atemzüge und meine Füße auf dem Boden wahrnehmen, – diese routinierte, achtsame Verbindung mit meinem Körper ist mein Anker. Sie gibt mir die notwendige Sicherheit, um das S.O.S. Angebot mit hilfreicher Überzeugung ins Spiel zu bringen: „Puh. Da ist ja plötzlich ganz schön viel Wut. Ist sie in Deinem Bauch? Oder in Deinen Beinen? Oder in Deinen Händen? Kannst Du Dich erinnern, was die Wut so richtig gerne mag? Ja, genau, den wilden Schmetterling!“ Wir überkreuzen die Arme und los geht´s…Die kleine Mia war knapp zweieinhalb, als sie anfing, beim Wickeln „nein“ zu sagen. Ihre Mutter war unsicher, ob das schon ein Zeichen sei. Im Kurs beobachteten wir gemeinsam, dass Mia ganz genau spürte, wann sie „musste“. Sie durfte selbst entscheiden, wann sie die Toilette mit Aufsatz benutzen wollte – ganz ohne Druck, aber mit liebevoller Begleitung. Nach einigen Wochen war sie tagsüber windelfrei und stolz auf sich.

Eine fundierte Sammlung von Körperübungen, – Bewegungen und Berührungen für die eigene Balance und Präsenz im Zusammenleben mit den liebsten Menschen. Kati Bohnet beleuchtet uns hierzu in ihrem Buch „Nervenstark verbunden“ ganz wunderbar Zusammenhänge, die der Selbstregulation dienen und einen entspannteren Familienalltag fördern

ACHTSAMKEIT? Unverzichtbar für persönliches und gemeinsames Wohlbefinden. Wir wissen, dass Wutanfälle für Kinder wichtige Lernerfahrungen sind. Als erwachsener Mensch bin ich also gefordert, innere Haltungen zu entwickeln, die einerseits helfen, starke Emotionen in mir selbst navigieren zu können, und andererseits dem Kind Halt und Richtung anbieten. Im ersten Schritt ist ein freundlicher Umgang mit den eigenen Ressourcen der „Gamechanger“. Individuelle Achtsamkeitsübungen sind hervorragende, alltagstaugliche Kraftquellen. Gleichzeitig laden sozial und systemische Achtsamkeit in Verbindung mit elternspezifischen Impulsen dazu ein, pädagogische und kommunikative Kompetenzen zu erweitern und zu trainieren.

In vielen beruflichen Arbeitsfeldern sind Weiterbildungen selbstverständlich. Für Eltern ist das auch wünschenswert, denn „Eltern sein“ ist mehr als ein Beruf und will intensiv erlernt und entwickelt werden. Kinder in ihrem Heranwachsen zu begleiten ist eine ganz besondere und gesellschaftlich sehr wertvolle Aufgabe. Wie so häufig, gilt auch für Eltern, – gemeinsam gelingt vieles leichter. Darauf zielt dieser Kurs. Zum Beispiel können wir zusammen wunderbar erforschen, warum Emotionen ehrliche Helfer sind und wie wir sie wertschätzend nutzen. Mit einfühlsamer Präsenz und co-kreativem Austausch entdecken wir beste Ideen, die uns in den alltäglichen Turbulenzen stärken. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul benennt in diesem Zusammenhang vier Werte, die Kinder und Erwachsene im Leben tragen: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung. Reflexionen und spielerische Erkundungen rund um diese Wertelandschaft ergänzen die Achtsamkeitspraxis. Damit bekommen die guten Absichten für ein zufriedenes, erfüllendes Familienleben frische Zuversicht und wohl ausgerichtete Handlungskraft.

ACHTSAMKEITenTRAINING für Eltern

Einführungsworkshop | in Präsenz und online 261-2132 und 261-2134W

Kurs mit wöchentlichen Einheiten | Online 261-2136W

Vertiefungsworkshop | in Präsenz und online 261-2138 und 261-2140W

Mehr Informationen und aktuelle Kurse findest du hier: www.fbs-leonberg.de

Jesper Juul | 4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen | GU Verlag

Kati Bohnet | Nervenstark verbunden | Knaur Verlag

Good enough parents | Nein, der Rasenmäher darf nicht mit ins Bett. | Hrsg. Domenik Schuster

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